Samstag, 25. September 2010

Commonwealth Games

Ich weiß nicht wie viel davon nach Deutschland durchdringt, aber hier sind zur Zeit die Commonwealth Games ein ganz großes Thema und noch viel wichtiger als die WM. Indien war sehr stolz darauf, dieses Jahr Gastgeber sein zu können. Die Vorbereitungen laufen aber wohl überhaupt nicht plangemäß und einige Teams denken darüber nach, ihre Teilnahme abzusagen, wer das Thema noch nicht kennt kann ja mal den Spiegel-Artikel lesen.

Dazu hat die BBC eine kleine Bilderstrecke veröffentlicht, die ich hier kurz kommentieren möchte.

Die ersten beiden Bilder zeigen verdächtig aussehende braune Spuren im Bad. Hierbei handelt es sich um Pan Masala, einer Mischung aus Gewürzen und Bethelnüssen, die eine stimulierende Wirkung hat und oft mit Tabak vermischt gekaut und danach ausgespuckt wird. Gerade unter ärmeren und weniger gebildeten Menschen ist diese Unart sehr verbreitet und sorgt dafür, dass viele Straßen, Gebäude, Züge u.ä. sehr verdreckt aussehen. Sie ist auch verantwortlich für die braunen Spuren an Zugtüren und Fenstern.
Ohne mehr zu wissen, vermute ich, dass die Bauarbeiter Pan Masala kauen und immerhin im Badezimmer ausspucken. Das sollte wohl noch weggeduscht werden, bevor die Sportler einziehen.
Dass die neue Toilette (Bild 2 rechts) anscheinend bereits jetzt undicht ist und leckt ist allerdings typisch Indien - oft werden Aufträge nicht von qualifizierten Baufirmen durchgeführt, sondern von Irgendjemandem, der jemanden kannte, der den Projektleiter kannte oder bestochen hat. Pfusch hat hier eine ganz andere Dimension als in Deutschland.

Bild 3 fand ich lustig. Straßenhunde sind in Indien allgegenwärtig, auch auf dem Gang im Wohnheim hatte ich ja schon öfter nachts das Vergnügen, angebellt zu werden und Arne musste direkt vor seiner Zimmertür bereits Haufen beseitigen. Shit happens, besonders in Indien.
Mit dazu beigetragen hat wahrscheinlich, das in Indien Türen nicht so verbreitet sind wie bei uns; wenigstens bis in den Gang vor den Zimmern kommt ein Hund hier oft ohne ein einziges Hindernis. Diese offene Bauweise ist wohl nicht zuletzt im warmen Wetter begründet; bei uns käme kein Architekt auf so eine Idee.

Die ganzen restlichen Bilder zeigen einfach nur Indien, wie es wirklich ist: Auf dem Campus, im Luxuswohnviertel, egal wohin man blickt: Auf so kleine Details wie Schlaglöcher, abbröckelnden Putz usw. achtet hier niemand. Zur Regenzeit musste ich immer unter der Dusche meine Füße waschen, bevor ich einen Schritt in mein Zimmer setze, weil sich in meinen Sandalen eine Schlammpfütze angesammelt hatte. Stört aber in Indien kaum jemanden, die Maßstäbe sind nicht so hoch. Indien hat viele Probleme, aber an mangelnder Gebäudeästhetik ist noch keiner gestorben, vielleicht sind wir da einfach etwas zu verwöhnt. Übrigens sorgt das extrem feuchte Monsunwetter für ein erschreckend schnelles Moos- und Algenwachstum auf den Hausfassaden und die Luftverschmutzung tut keiner Farbe gut. Wenn ein Haus hier nach unseren Maßstäben gepflegt aussehen soll, erfordert das hier einen viel höheren Aufwand.

Das nur zum besseren Verständnis. Entschuldigen tut das natürlich nichts, ich wollte als Sportler in einer solchen Umgebung nicht unter dem Leistungsdruck stehen, Leistungen auf Weltklasseniveau vollbringen zu müssen.

Freitag, 17. September 2010

Klausurstress

So'n Fort auf ner Insel

Sorry für den Post hier drüber, aber das konnte ich einfach nicht lassen.

Was war da los? Wir hatten einen freien Tag. Unsere schriftlichen Klausuren für das Mittsemester sind geschrieben, und der Rest der Woche ist für eine riesig große Hausaufgabe in Air Pollution Control vorgesehen, für die die restliche Zeit vor Darjeeling nicht wirklich reicht. Und was passiert, wenn man von "zu wenig Zeit" noch einen weiteren Tag abzieht? Genau, man hat "zu wenig Zeit". Auch egal. Also los an den Strand.

Wir können auch noch ein paar andere nette Leute zum Mitkommen überreden. Ankit kommt mit und stellt sein Handy aus, damit Professor Kannan ihn nicht anrufen kann. Mehadi kommt mit und fängt einen Tag später an, für seine Klausur am Samstag zu lernen. Ali kommt auch direkt mit, und ein anderer Inder, den Arne irgendwo kennen gelernt hat, ist ebenfalls dabei.

Der Inder, den Arne noch angeschleppt hat, und dessen Name ich leider wieder vergessen habe, wohnt seit seiner Geburt auf dem Campus und ist auch hier zur Schule gegangen, sein Vater arbeitet hier und hat eine Wohnung in den Mitarbeiterquartieren. Studiert hat der Gute aber an der University of Mumbai und hat gerade seinen Bachelor abgeschlossen.
Sein Vater kennt jemanden, der jemanden kennt, der Kontakt zu einem Taxiunternehmen hat, und so bestellen wir für den nächsten Tag ein Auto für alle: ein Toyota Innova für den ganzen Tag, inklusive Fahrer, für 4000 Rupien (66€). Das ist eigentlich viel zu viel, aber der Papa von dem Inder ohne Namen hat uns den Deal vermittelt und es wäre an dem Tag irgendein Feiertag und überhaupt, also vertrauen wir darauf, dass das Geschäft halbwegs fair abläuft. Ein Taxi für den nächsten Morgen zu bestellen dauert auf diese Weise übrigens fast 2 Stunden, denn erst muss man den Papa treffen, der dann im Nachbarhaus nach einer Telefonnummer fragt, irgendwen anruft, woraufhin irgendwann dann jemand zurückruft, der aber gerade keine Zeit hat und in 10 Minuten nochmal anrufen möchte, woraus dann 20 Minuten werden, und so geht das dann weiter bis irgendwann das Auto für den nächsten Morgen auf 7 Uhr bestellt ist. Uff.

Der Inder ohne Name behauptet, das Auto hätte Platz für 8 Leute plus Fahrer. Mehadi protestiert, er kennt das Auto, und sagt da passen nur 6 Leute plus Fahrer rein. Der Inder argumentiert sehr klug ("You have no Idea, it is big enough for 8 people"), zum Glück springen bis zur Abfahrt noch ein paar potentielle Teilnehmer ab, denn das Auto hat natürlich nur 6 Sitze, und mit Fahrer passt unsere Gruppe genau rein.

Einem weiteren Inder, der eigentlich dabei sein wollte, passiert etwas Bemerkenswertes: Sein Vater erlaubt ihm nicht, mitzukommen. Begründung: Er war am Tag davor schon von morgens bis abends außerhalb des Campus unterwegs und soll nicht schon wieder das Haus für so lange Zeit verlassen. Alter: 23. Bachelor abgeschlossen. Noch Fragen?

Am Morgen steht das Auto pünktlich vor der Tür. Damit kann die Fahrt aber leider noch nicht beginnen. Die Konditionen für das Taxi haben sich auf einmal geändert. Plötzlich kostet es 4000 Rupien für die ersten 250km, danach für jeden weiteren km 12 Rupien. Unsere Gesamtstrecke hin und zurück ist aber 300km lang. Das war so nicht abgemacht. Der Fahrer meint, das wäre so üblich, das würde man eigentlich wissen. Man vielleicht, aber Ausländer vielleicht nicht, und unsere indischen Freunde kennen diese Grundregel auch nicht. Also Stress mit dem Besitzer des Fahrzeugs geschoben (der Fahrer kann nichts dafür) und hin und her telefoniert. Der Mann am Telefon bleibt stur, wir fahren einfach so los und planen, das Auto nach 250km zu verlassen und den Rest vom Rückweg mit der Bahn zu machen. Immer dieses Rumgeschiebe...

Die restliche Fahrt wird eigentlich recht fröhlich. Es kübelt wie aus Eimern und das Auto versinkt fast im Wasser, aber wir sind trotzdem frohen Mutes: Wir fahren an den Strand!
Ali kauft unterwegs für alle frittierte Kartoffeldinger, die haben irgendeinen Namen den ich auch vergessen habe. Schmeckt ein bisschen wie Kartoffelpuffer mit mehr Gewürzen.

Und kurz vor unserer Ankunft reißt wie auf Bestellung der Himmel auf und das Wetter wird gut. Blick nach vorne...
Autofahrer in Indien stellen sich gerne Kitsch auf das Armaturenbrett. Heute haben wir eine Blume, die bei Sonnenlicht solarbetrieben mit der Blüte winkt. Die Blätter wiederum wackeln aufgrund der Fahrzeugbewegung. Ich sehe großartige Möglichkeiten, als Ingenieur Erfüllung in meiner Arbeit zu finden.

Unsere Gruppe bei einem Päuschen am Wegesrand. Die Küstenstraße ist ganz hübsch.

Ein paar Eindrücke vom Strand. Kuhl hier.

Ali findets auch schön.

Ein paar Inder in farbenfroher Montur im Wasser.

Ankit kann nicht schwimmen und geht trotzdem gerne ins Meer.

Arne und ich stauen einen Bach auf. Ist bestimmt sauber, wir sind in Indien.

Der nette Herr mit der Machete köpft Kokosnüsse mit zwei gekonnten Hieben...

...und die netten Leute hier schlürfen sie dann leer.

Zu Mittag essen wir dann hier... Das Essen war unlecker, nicht sauber und ich habe wieder mal eine verrenkte Verdauung, aber das ist auch egal.
Eigentlich waren wir ja hier, um irgendsoein Fort zu besichtigen, was irgendein Herrscher vor der Küste auf einer Insel aufgebaut hat. Aber die Schiffe fahren gerade nicht, denn es ist Nebensaison. Deshalb ist der Strand auch so leer und wir müssen den ganzen Tag einfach nur so rumliegen. So ein Ärger aber auch...

Wir bleiben bis zum Sonnenuntergang,

machen viel zu viele Fotos davon,

und lassen uns dann wieder zurückfahren. Und es gibt sie doch: Orte in Indien, die einfach Spaß machen.

Die Rückfahrt ist natürlich wieder stressig. Nachts lassen hier anscheinend alle die Sau raus, wir haben im Minutentakt Fast-Unfälle mit überholenden LKW auf unserer Spur. Auch unser Fahrer fährt wie eine besengte Sau und macht immer wieder gefährliche Aktionen. Ich ranze ihn sehr unfreundlich an ("Stop driving like a mad dumbass" war dabei, und ich habe auch seine Fahrausbildung in Frage gestellt...), danach traut er sich kaum noch, in einen anderen Gang zu schalten und zuckelt hinter einem Bus her. Jetzt haben wir wenigstens einen schweren Rammbock vor uns. Nach 260km erreichen wir eine Metrostation und wollen uns hier absetzen lassen. Unser Fahrer will nicht zwischen den Fronten stehen und bittet uns, das direkt mit seinem Chef abzuklären. Am Telefon wird es dann natürlich sehr unfreundlich, denn der gute Mann hatte wohl fest mit den Mehreinnahmen aus den Extrakilometern gerechnet. Er droht mir der Polizei. Soll heißen, wir verhandeln gut. Und zahlen am Ende genau 4120 Rupien. Der Fahrer bestätigt seinem Chef, dass wir sein Auto verlassen haben. Und nimmt uns am Ende doch noch heimlich mit, denn die Garage von dem Auto befindet sich in der Nähe vom IIT.

Dienstag, 14. September 2010

2 Bilder

Herzlich willkommen bei der Bank Ihres Vertrauens.


Ob die Bettlerin weiß, wie Kaffee schmeckt?

Direkt nach einer Klausur, in der ich mich mit Fourierreihen und Stabilitätskriterien für finite Differenzen-Schemata befasst habe fühlt es sich noch komischer an, hier rumzulaufen. Das ist so weit weg von der realen Welt...

Montag, 13. September 2010

Die unendliche Geschichte

mit der Projektarbeit. Eigentlich ist sie längst fertig und eigentlich habe ich vom Professor in Indien längst eine Note bekommen. Aber leider darf mein Lieblingsassistent in Aachen noch mitreden und scheint sich jetzt doch zu weigern, die Note beim Prüfungsamt einzureichen, solange ich nicht einen Vortrag an der RWTH gehalten habe. Das erfahre ich erst auf Nachfrage nach über einem Monat: Eigentlich hatte er versprochen, meine Abgabe weiterzuleiten und ich wollte nach der langen Zeit einfach nur nachfragen, warum immer noch keine Note eingetragen wurde...
Jetzt kann es sein, dass die Abgabefrist für die Note abgelaufen ist. Ich habe eine Mail ans Prüfungsamt geschickt, mal sehen was die davon halten. Meine nächste Arbeit suche ich mir ausschließlich nach dem Betreuer aus, ein fieser Assistent kann so unglaublich viele Probleme machen.

Die CFD-Klausur gestern war ganz in Ordnung, ich hatte genau das Richtige vorbereitet. Dass Rechnungen nicht aufgehen und sich nichts rauskürzt, wenn ich lustlos und unter Zeitdruck herumschmiere, kenne ich schon. Aber für die Ansätze gibts ja oft die meisten Punkte. Wird wohl passen.
Heute bekommen wir die Aufgaben für unser Take-Home-Exam in Air Pollution Control mitgeteilt. Wie schon angekündigt wird das die Klausur in Air Pollution ersetzen, wir haben eine Woche Bearbeitungszeit. Angenehm.
Morgen ist dann noch die Klausur für Structural Dynamics and Vibration, ich müsste lernen und schreibe stattdessen eine neue Bewerbung. Siemens hat mir leider abgesagt, ich brauche also einen anderen Praktikumsplatz für die Zeit nach Indien. Ich bin froh wenn die Woche rum ist, gerade kommt viel zusammen.

Mittwoch, 8. September 2010

Abwechslung

Verglichen mit Indien ist dass Alltagsleben in Deutschland relativ eintönig. In Indien passieren immer wieder unerwartete Dinge und nichts funktioniert genau so, wie man es sich vorgestellt hat. Vielleicht liegt es daran, dass wir in unseren westlichen Filmen immer Abwechslung und besondere Situationen, Banküberfälle, Schießereien und Krieg zeigen, während sich Inder im Kino gerne entspannen und einfach nur Tanz und Musik in schöner Natur sehen möchten. Einige indische Filme laufen seit mehr als 10 Jahren im Kino, und Ankit hat seinen Lieblingsfilm bereits 17mal angeshen.

Und vielleicht zieht sich das auch durch die Musik. Natürlich gibt es auch Neuerscheinungen im Radio, aber die Meisten hören genauso gerne auch die alten Stücke von vor 15 Jahren. Die paar westlichen Stücke, die es nach Indien geschafft haben, laufen auch seit Ewigkeiten immer wieder. Die Stücke von den Backstreet Boys sind hier immer noch eine große Nummer, und mir ist es nicht gelungen, zu erklären, warum die bei uns wirklich niemand mehr hört und auch niemand mehr zugeben möchte, sie jemals gehört zu haben, und dass selbst 90er Partys dieses Kapitel der Musikgeschichte eigentlich aussparen. Darin sind wir uns alle einig und wir sind alle froh darüber. Aber warum eigentlich?

2 von 4 Klausuren

Nächste Woche sind die Mittsemesterklausuren. Die Termine stehen seit einer Woche endlich offiziell fest - es gibt eine Liste im Internet. Zum Glück liegen die Termine alle relativ günstig. 2 Klausuren am Sonntag, eine am Montag, eine am Dienstag. Arne hat seine Klausuren bis Mittwoch auch alle rum, und wir haben dann beide am Donnerstag und Freitag frei. Am Samstag wollen wir dann einen netten Inder zu Hause besuchen, er wohnt in einem Vorort von Mumbai bei seiner Familie und hat uns eingeladen. Alles passt super. Soweit der Plan.

Aber Inder diskutieren gerne und viel - und hören nie damit auf. Und die Professoren machen bereitwillig mit. Ein paar andere Studenten haben auch 2 Klausuren an einem Tag und versuchen, die Termine zu verschieben. Das läuft über irgendwelche dubiosen Maillisten, von denen ich noch nichts wusste. Und plötzlich ist in der letzten Vorlesung vor der Klausur eine Gruppe von Leuten, die sich alle einig sind, dass die Klausur für Structural Dynamics and Vibration auf einen anderen Tag verschoben werden muss und auch schon über das Internet einen Termin vereinbart hat. Die Professorin ist einverstanden. Ich aber nicht, und mein Sitznachbar auch nicht. Also ist die Verschiebung gestorben. Eigentlich. Trotzdem wird die ganze Stunde über diskutiert und die Diskussion endet ohne festes Ergebnis. Das heißt dann hoffentlich, das alles bleibt wie es ist und die Klausur nicht doch verschoben wird, ohne dass ich etwas mitbekomme.

In der CFD Vorlesung dann das gleiche Spiel. Ich ringe dem Professor immerhin das Versprechen ab, dass der Termin garantiert feststeht, solange nicht alle Studenten bestätigen, dass sie von einer eventuellen Änderung Kenntnis genommen haben. Sehr nervig, dieser Eiertanz.

Immerhin gibt es auch zwei sehr positive Ergebnisse. In den beiden Fächern im Umweltdepartment haben sich die Professoren breitschlagen lassen und stellen keine Klausur, sondern eine benotete Hausaufgabe. Das ist sehr viel entspannter. Und ich muss nächste Woche nur 2 anstatt 4 Klausuren schreiben.